FOLGE 1
 

Anfänge

Heute, am 23. April 1846, also vor genau 175 Jahren, wurde die Herzoglich Nassauische Real-Schule zu Bad Ems offiziell begründet. Diese höhere Bürgerschule war im doppelten Sinne ‚Real‘: sie war staatlich (real = königlich = staatlich) und sie erfüllte die schon lange untertänigst geäußerten Wünsche der Bürgerschaft nach Erlernung der modernen Fremdsprachen Französisch und Englisch, die im internationalen Kurbetrieb grundlegend waren. Das schnelle Anwachsen der Schülerzahl auf 60 in drei Klassen ermutigte die Gemeinde schon im Herbst 1847 das Haus Römerstr. Nr. 53 (spätere Luisenschule für Mädchen) zu erwerben, wo die Schule bis zur Errichtung des Neubaus 1878 verblieb (dazu eine spätere Folge). Aus dieser Zeit stammt der bemerkenswerte erste Eintrag des ersten Protokollbuchs (1847-1884):

1. Protocoll der Schulconferenz am 31. Aug(ust) 1847

Hr. Pfarrer Spiess eröffnete die Conferenz durch eine kurze Anrede an die anderen Anwesenden über die Wichtigkeit der Lehrerversam(m)lungen und die Nothwendigkeit eines freundschaftlich- collegialischen Zusammenwirkens ...

mit gerade mal vier Lehrern: Schulinspektor Pfarrer C. Spiess und den Reallehrern J. Hermann, Dr. Schenckel, Chr. Kunz

 

Ein Jahr vor der großen Revolution von 1848 und während der schlimmen Hungerjahre 1846/47 war von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen dem Schulinspektor der Gemeinde (Schulträger) und den vom herzoglichen Provinzial-Schulcollegium zu Wiesbaden entsandten Lehrkräften keine Rede gewesen. Das lässt auch der weitere Wortlaut des Protokolls deutlich erkennen, das viele Jahre von der Hand des Reallehrers J. Herrmann verfasst wurde. Abgesetzt von den Unterschriften der Staatsbeamten bestätigt der Emser Schulinspektor durch ein ‚vidi‘ die Richtigkeit der Darstellung.

Höhere Schule in Bad Ems

 

  FOLGE 2
 

Goethe-Gymnasium
und Moderne Literatur:
Botho STRAUß 1964

Botho Strauß

Zu den bekanntesten ehemaligen Schülern des GG gehört Botho STRAUß (*1944 Naumburg/Saale), der in den 1980er Jahren durchaus als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis galt und bis heute etliche Literaturpreise erhielt.

Der immer noch aktive Schriftsteller veröffentlichte vielbeachtete Romane, Kurzgeschichten, Essays und Aphorismen. Er gehört zudem zu den erfolgreichsten und meistgespielten zeitgenös-sischen Dramatikern überhaupt.

Die Jahre in Bad Ems sieht er durchaus prägend an: Zu seinem 70. Geburtstag 2014 veröffentlichte er seine Kindheitserinnerungen („Herkunft“) aus seiner Bad Emser Zeit und gerade auch zu seiner Schulzeit. Als Flüchtlingskind nach Ems gezogen, besuchte er mit Beginn der Sexta (5. Klasse) 1953 das GG bis zum Abitur Ostern 1964. Herausragend bis gut waren seine Leistungen vor allem in Deutsch, Latein, Französisch und Englisch. Das Gesamtgutachten, das damals für jeden Schüler erstellt wurde, stammt wohl aus der Feder seines Deutschlehrers OStD Dr. DIETERT. Es wirkt geradezu prophetisch und soll deshalb hier stellenweise wiedergegeben werden:

Titelbild des Buches „Herkunft“ von 2014

 

BS ist „… allem Schöngeistigen, wie überhaupt dem Geistigen sehr aufgeschlossen … Seine natürliche schauspielerische Begabung führte ihn bei Schulfeiern oft auf die Bühne. … Er ist der Typ des Intellektuellen und Individualisten und diese Eigenschaften machen es ihm manchmal schwer, sich einer Gemeinschaft unterzuordnen … Seine gute häusliche Erziehung und seine Umgangsformen sind aber … in der Lage, aufkommende Spannungen zwischen dem Individualisten und der Gemeinschaft zu überdecken. S. möchte Germanistik und Theaterwissenschaften studieren. Er wird seinen Weg machen.“

Höhere Schule in Bad Ems

 

 

FOLGE 3

 

Schülerzeitungen am Goethe-Gymnasium — einst und jetzt

Periodisch erscheinende Schülerzeitungen bilden seit jeher neben „Bierzeitungen“ der Abiturienten und 10. Klassen ein belebendes Element im Schulleben. Vielleicht gibt das folgende Kaleidoskop aus beinahe 70 Jahren Euch heutigen SchülerInnen den Anschub, mal wieder eine Schülerzeitung am GG zu starten!

Die Penne wurde Ostern 1952 von der „Schülermitverwaltung“ gegründet und bestand als Mitglied der „Jungen Presse RLP“ mindestens bis 1958. Sie ist damit die älteste an unserer Schule – zumindest für die Nachkriegszeit. Auf grobem Holzpapier in einer Auflage von bis zu 600 (!) hektographiert, besticht sie mit gelungenen Graphiken; z.B. Titelbilder, Werbeanzeigen, Porträts etc. Sie berichtet u.a. über die Erlebnisse eines Heimkehrers aus siebenjähriger russischer Kriegsgefangenschaft, den Schülerbesuch des FDP Landesparteitages im immer noch französisch besetzten Saarland 1954, vom Besuch der Weltausstellung in Brüssel (!) – 1958 die erste nach dem II. Weltkrieg. Daneben werden die Korbballmeisterschaften – der in Deutschland noch ziemlich neue Basketball – ebenso besprochen wie Leichtathletikkämpfe, Hallen- und Feldhandballturniere oder besuchte Jazz-Konzerte.

Auch @altpapier konnte zu DM-Zeiten 1997 im DINA5 Format weniger durch seine Druckqualität als durch seine originellen Beiträge überzeugen. Aus heutiger Sicht lassen sich Anfänge der „Digitatur“1 in einem Interview mit Direktor Dr. Schwarz erkennen: nur wenige Jahre nach der Einführung des Internets in Deutschland zunächst an den Universitäten konnte der wackere Schulmann alten Schlages die drängenden Schülerforderungen mit dem pädagogischen Schlagwort „Interneterziehung“ vorerst noch eindämmen. In der Schülerredaktion befand sich übrigens ein gewisser Andi FISCHER.

 

 

 

1 Der Autor erlaubt sich, seine Wortneuschöpfung für die zunehmende Beherrschung von Leben und Intellekt des Menschen hier anzubringen.

 

Aus diesem Jahrhundert stammen die ebenfalls kurzlebigen Klartext von 2001 und Spick-Zettel von 2003. Neben den witzigen und kritischen Schülerartikeln sticht hier der sachlich gehaltene Bericht über den Unfalltod einer Schülerin der Schiller-Schule auf dem Weg zur Schule am 10. Februar 2003 heraus. Unser ehemaliger Kollege Dr. Maier, der gerade auf dem Weg zum GG war, konnte keine Erste Hilfe mehr leisten, wie er später schockiert im Lehrerzimmer berichtete.

Die Penne, 1957

Spick-Zettel, 2001

Klartext, 2003

 

Höhere Schule in Bad Ems

 

 

FOLGE 4

 

Schülerleben im Kaiserreich

Unser undatiertes Foto einer Emser Klasse vor ihrem Gymnasium (Beitrag zum Gebäude folgt) stammt aus einer Zeit, die uns Heutigen fremd, aber auch interessant erscheinen mag. Unterschiede zur Gegenwart sollen daher hier knapp vorgestellt werden. Vergleiche zur heutigen Situation bleiben dem Betrachter überlassen.

 

Stolz und selbstbewusst wirken die meisten der 14 Schüler der Oberstufe – eine damals normale Klassenstärke, die einen Abiturjahrgang darstellte. Die drei Schüler am rechten Rand schauen keineswegs desinteressiert zur Seite, sondern bieten dem Emser Fotografen bewusst ihr Profil, so wie man das damals bei Gruppenfotos zu tun hatte. Als Schuluniform trug man in der Regel bis zur Obertertia (9. Klasse) einen Matrosenanzug; danach wie auf dem Foto einen Anzug mit kleiner Krawatte. Die Käppis, die man draußen trug, ähnelten denen der Studentenverbindungen, was kein Zufall war: die wenigen Abiturienten – ca. 0,1 Prozent eines Gesamtjahrgangs – studierten später so gut wie alle.

Das jährliche Schulgeld betrug 130 RM (+ einmalige Aufnahmegebühr 15 RM) – ein monatliches Durchschnittseinkommen keine 200 RM! Trotzdem achtete gerade der so leistungsbezogene preußische Staat darauf, begabten Schülern den Besuch dieser Eliteschulen zu ermöglichen. Der heute noch bekannte Klassenprimus war damals insofern eine jährlich im Schuljahresbericht veröffentlichte „Institution“, als dass der Notenbeste nicht nur das „Vergnügen“ hatte, vorne beim Lehrerpult zu sitzen und das Klassenbuch zu führen, sondern auch das Schulgeld minimiert bzw. erlassen bekam!  Weiterhin wurden die leistungsstärksten Schüler prämiert: etwa bei der Geburtstagsfeier seiner Majestät am 27. Januar 1899 in der festlich geschmückten Aula unter reger Beteiligung der Bürgerschaft … mit Verleihung eines Schüler-Buch-Preises der Schulbehörde „Deutschlands Seemacht einst und jetzt.“ Darüber hinaus wohnten die auswärtigen Schüler von Westerwald und Taunus die Woche über in Bad Ems – wenn der einfache Fußweg zur Schule mehr als 10 km betrug! Und zwar z.B. gediegen im Schülerheim beim pensionierten Berliner Oberlehrer Prof. Dr. Möller und Gattin, die den Eltern in ihrer Emser Villa Herzlichkeit, Frohsinn, Pflege und enge Beaufsichtigung in Aussicht stellten. „Bedingung für die Gewährung einer ganzen, halben oder viertel Freistelle sind unter allen Umständen Würdigkeit und Bedürftigkeit, was bedeutete, dass Kost und Logis des Kindes bei geringem Einkommen der Eltern und je nach entsprechender Begabung vollständig, zur Hälfte oder zu 25% vom Staat übernommen wurde.

Neben den (beinahe) garantierten gesellschaftlichen Vorteilen eines Abiturs bot auch das Emser Realgymnasium mit nur 8 Jahren Schulzeit das Privileg des „Einjährigen“, d.h. der anschließende Militärdienst dauerte nur ein Jahr statt zwei oder zeitweise drei (!) Jahre für die große Masse der jungen Männer. Allerdings erwarteten Staat und Gesellschaft, dass die „Studierten“ dann Reserveoffiziere wurden und das in etlichen Wehrübungen auch blieben. Und so war das Militärische schon vor der Nazizeit an den Gymnasien weit verbreitet:

Zwar wurden die jährlichen Sedanfeiern am 02. September (zum Gedenken an den Sieg über Frankreich 1871) in den Städten feierlich begangen und waren unterrichtsfrei, konnten aber auch beim neuen Emser Schuldirektor und Reserveoffizier Dr. Heinrich Hawickhorst1 1913 das Nachstellen der Schlacht auf dem Schulhof bedeuten.

­­­­­________________

1 kämpfte im I. Weltkrieg als Hauptmann. Er hielt als Direktor des Gymnasiums in Staßfurt (bei Magdeburg) 1933 eine öffentliche Rede, in der er den nationalsozialistischen Terror stark kritisierte, https://www.stassfurt.de/de/datei/anzeigen/id/11934,1065/hermann_kasten.pdf

Höhere Schule in Bad Ems

 

 

FOLGE 5

 

Ein Germanist aus Bad Ems:
Adolf BACH

(* Bad Ems 1890 — † Bad Ems 1972)

Der „Altmeister“ der deutschsprachigen Namenkunde verfügte als hochgeschätzter Germanist und Romanist über ein sehr breites Forschungs- und Publikationsspektrum, das sich über Sprachgeschichte, Landes- und Kulturgeschichte, Volkskunde bis hin zum sehr lesenswerten Buch über unseren Namenpatron GOETHE und dessen rheinischen Kreis erstreckt. Einige Arbeiten des Emser Ehrenbürgers haben heute noch Bestand, die hiesige Adolf-Bach Promenade erinnert an ihn. Auf die in Erwägung gezogene Benennung unserer Schule nach A. BACH wurde 1949 (vgl. Folge 6) schließlich zugunsten des „Dichterfürsten“ selbst verzichtet.

 

Zu seinem Lebenslauf nach der Schule nur kurz:

Nach Studium in Kiel, Oxford und Paris (Sorbonne), vier Jahren Kriegsdienst wurde er in der Krisenzeit der frühen Weimarer Republik zunächst Studienrat, dann Dozent und Professor an der Universität Bonn im ‚Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande‘ (Abteilung Mundartforschung und Volkskunde). Die dort schon früh gepflegte interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sprach- und Landesgeschichte und Geographie war und ist bis heute beispielgebend. Seine NS-Mitgliedschaft, zeittypisch ab 1933, setzt ihn in ein gewisses Zwielicht1. Hochdekoriert (Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern) und als Mitglied ausländischer Wissenschaftsakademien, arbeiteten er und seine Ehefrau Lili bis zum Schluss in Bad Ems für die Schriftleitung der ‚Nassauischen Annalen‘.

 

BACH, Sohn eines alteingesessenen und recht wohlhabenden Emser Textilkaufmanns, wurde 1900 als Sextaner nach einer Aufnahmeprüfung am damals lateinlosen Emser Realprogymnasium eingeschult. Obwohl zwei Jahre jünger als der Klassenprimus, der 6 Jahre (!) die Volksschule besucht hatte, erreichte der anfangs kränkliche, aber überaus strebsame Bach (zähes und stetiges Ringen) als Primaner schließlich Position eins in seiner Klasse. Bach erlernte selbstverständlich Schwimmen (Schwimmanstalt in der Lahn) und insbesondere Rudern (siehe Beitrag Sportlerleben anno 1929).

Viele weitläufige Schulwanderungen in die Umgebung dienten der allseitigen Ausbildung der Persönlichkeit (Natur, Limes, Heimatkunde). Hervorzuheben wären die 1900-1903 sensationellen Ausgrabungen des Römerkastells Holzhausen oder des Keltendorfs bei Neuhäusel, bei denen die Schüler mittun durften!

 

Im Rückblick imponierten B. die beiden Oberlehrer, der Altphilologe Prof. Dr. Wilhelm Hofmann und der Emser Dr. Theodor Maxeiner in Englisch und Französisch.

 

Vieles registrierte der aufgeweckte Junge genau und schrieb es nieder: z. B. die Arbeit der vielen Handwerksbetriebe und die zahlreichen Dienstboten, die dem weltstädtischen Kurbetrieb dienten, die höheren Töchter aus Ems, die längere Zeit in England gewesen waren und elegant lawn tennis spielten, die prachtvoll ausstaffierten Mietkutschen oder die Konzerte weltbekannter Orchester und Solisten, aber auch den  ‚Schulskandal‘ der reinen Jungenschule um die von etlichen Primanern umworbene Haushaltshilfe des Direktors, der seine Dienstwohnung im Schulgebäude hatte. Vorträge im Emser Kolonial- bzw. Flottenverein begeisterten und erweckten Fernweh. Um 1906 nach dem „Einjährigen“ (vgl. Folge IV) ein komplettes humanistisches Abitur zu erhalten, wechselte B. in die großherzogliche Residenzstadt Darmstadt an das altsprachliche Ludwig-Georgs G. – nicht ins preußische Koblenz an das damalige Kaiserin-Augusta-G. (Görres-G.).

 

 

 

 

1 Eine Gestapo Beurteilung als „charakterlich negativ, weltanschaulich undurchsichtig“ spricht für ihn. Seine Jugenderinnerungen ‚In süßen Freuden ging die Zeit. Ein Buch von Jugend und Heimat‘ reichen bis 1909 und sind teilweise in den Bombennächten zwischen 1942 und 1944 entstanden. Seine dort zu findende Ablehnung des NS, „Statthalter des Bösen … und ihrer Schandtaten“, muss allerdings quellenkritisch relativiert werden, da dieses Buch erst 1958 publiziert wurde.

 

Weitere Informationen unter anderem bei de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Bach

Höhere Schule in Bad Ems

 

 

FOLGE 6

 

Das Lehrerkollegium in schwieriger Zeit — 1933 bis 1945 1

Unser Foto von 1935 zeigt einen Teil des damaligen Kollegiums umrahmt von 17 Abiturienten:

sitzend ab zweiter von links bis vorletzter von rechts: Studienassessor Gartenschläger, Dr. Hertling, Stud. Ass. Dr. Götz, Direktor Dr. Wilhelm auf der Haar, StR Prof. Wegmann, Oberrealschullehrer Dr. Josef Keller, Stud. Ass. August Ax.

 

Die NS-Zeit stellte die Schule – Lehrer wie auch Schüler und Eltern – auch im beschaulichen Bad Ems vor viele Probleme und oftmals auf die Probe. Stichworte wären z.B. der ausgrenzend-diffamierende Umgang mit den (wenigen) jüdischen Mitschülern oder etwa der alltägliche Hitlergruß des Lehrers vor der Klasse. Die Verweigerung als niederschwellige Form des Widerstandes konnte bei einer Denunziation ernsthafte Folgen nach sich ziehen. Daher ist die Kritik an den Zerstörungen in Bad Ems in der „Reichspogromnacht“ zum 10. November 1938 schon bemerkenswert: Dr. Keller nahm hier im Unterricht kein Blatt vor den Mund, wurde aber nicht denunziert, wie sich einer seiner damaligen Schüler noch Jahrzehnte später erleichtert erinnerte. Das organisatorische Ausgreifen der Hitler-Jugend in die Schulen führte ebenfalls zu erheblichen Problemen. An deren Bücherverbrennungen jüdischer oder oppositioneller Autoren im Mai 1933 musste sich die Schule mit „Flammen-Appell“ und Gedichtvortrag auf dem Schulhof beteiligen. Noch gravierender war aber der dauerhafte und systematische Eingriff der totalitären NS-Ideologie in die Unterrichtsinhalte quasi aller Fächer: im Rahmen der Abiturprüfung 1936 sollten die Schüler z.B. im Geschichtsaufsatz die „Nürnberger Rassegesetze“ (natürlich bejahend) besprechen, während sie in Französisch über „Le réveil du troisième Reich“ zu räsonieren hatten.

 

Als mit dem „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 die NS-Herrschaft endgültig gefestigt erschien, hielt Direktor Auf der Haar in der Turnhalle (vgl. Beitrag Schulgebäude) unter drei Fahnen, der der Schule, dem Schwarz-Weiß-Rot der Monarchie und der der NSDAP eine Lobrede auf die braunen Herrscher. Noch lebte die Hoffnung auf eine „Versöhnung“ der neuen Bewegung mit der untergegangenen Monarchie bei den konservativ-nationalen älteren Kollegen fort. Dass „Gottesfurcht und Vaterlandsliebe“ der wahre Geist der Anstalt sei, sollte aber bald nicht mehr ausreichen. „Beseelt vom neuen Geist“, beantragten vier stadtbekannte Bad Emser schon im April 1933 in einer offenen Petition (!) – zunächst erfolglos, den Direktor, StR Dr. Andreas Müller und Ass. Dr. Runkel aus dem Dienst zu entlassen, da sie der untergegangenen Weimarer Republik treu gedient hätten. 1937 funktionierte die „Gleichschaltung“ dann auch an unserer Schule: während die vielen neuen jungen Kollegen zumeist karrierebewusst offen nationalsozialistisch auftraten, wurde der alte Direktor degradiert, versetzt und durch den „strammen Nazi“ Dr. Kurt Kern ersetzt.

Kriegsabitur im März 1945 mit Parteiabzeichen am Revers (DIETERICH, 347)

 

Bis in die letzten Kriegstage im März hinein organisierte Kern unverdrossen Schulunterricht und Luftschutz der Schüler, um dann beim Erscheinen der Amerikaner Ende März spurlos zu verschwinden! Trotz dieses abrupten Endes sorgte der neue Schulleiter (bis 1954) Dr. h.c. Albert Henche, der bis 1945 ein überzeugter Verkünder der NS-Ideologie – aber eben nie Parteimitglied gewesen war, personell für Kontinuität. Vollständig „gewendet“, wurde aus dem Ehrendoktor ein wortreicher Verehrer der Weimarer Klassik; die Benennung unser Schule nach Goethe ging 1949 wesentlich auf ihn zurück! Besonders unangenehm blieb unbeteiligten Schülern allerdings in Erinnerung, wie er ehemalige Hitler-Jugend-Mitglieder seiner Schülerschaft bei der französischen Besatzung denunzierte!

 

1 Die folgenden Ausführungen können nur andeutungsweise einige markante Episoden skizzieren. Über das Schularchiv hinausgehende Belege bei DIETERICHS, Wilfried: Herrenjahre in der Provinz. Die Stadt Bad Ems 1914-1964. Weilburg 2013, 91-93, 189f. und 415ff.

Höhere Schule in Bad Ems